Support CBA

CBA goes Open Source

FACEBOOK

Ich vermisse an Vöcklabruck nichts außer das Teehaus...

Israel ist nicht Österreich. Ganz im Gegen­teil. Betrachtungen eines „Ausländers“.

„Where are you from?“: Eine Frage, die man in Israel sehr oft gestellt bekommt. Anders als vielleicht in den USA muss hier jedoch nicht der berühmte Känguru-Sager (Stichwort Australia) bemüht werden, dafür ist die Geschichte dann doch zu präsent. „Ah, Austria, my grandparents are from there.“ Eine Reaktionsmöglichkeit. Die andere: “Oh nice, I was skiing there last winter, in Tyrol.” Man muss wohl nicht extra erwähnen, dass einen die erste Be­kundung sprachlos zurück lässt: Wie soll man jetzt darauf reagieren? Um an dieser Stelle übrigens einen bekannten Minder­heitskomplex auszuhebeln: Nein, darauf folgt kein „You Austrians are still Nazis!“ oder ähnlich dumme Aussagen. Der er­wähnte traurige Fakt ist bloß die einzige Verbindung zu Österreich, manchmal. Und einmal mehr hält man sich jenes blühende jüdische (Groß)Bürgertum Wiens zur Zeit der Jahrhundertwende vor Augen, denkt an „Was wäre jetzt, wenn…“ Optionen und stellt fest, dass man das nicht zu oft tun sollte. Als gesellschaftspolitisch wa­cher Mensch schlägt sich das nicht positiv auf die Psyche.

bildschirmfoto2

Doch kommen wir an die­ser Stelle auch zu anderen Aspekten des versuchten Vergleichs Österreich-Israel. Zuerst stellt sich ohnehin die Frage, inwie­fern man Länder überhaupt in Zusammen­hang stellen, sie vergleichen darf. Doch wenn man schon dreist genug ist, sich für ein Jahr außer Landes zu begeben, sollte man ebenso zu einer fähigen Kontextua­lisierung bereit sein. Und welchen Sinn hat ein Auslandsaufenthalt denn letztend­lich, wenn man sein/ihr Geburtsland nicht ständig zum aktuellen Gastgeberland auf dies und das abklopft?

Nun denn: Israel ist natürlich in ziemlich jeder Hinsicht großar­tig, vor allem aber fasziniert mich das ge­schichtlich entwickelte Multikulti Konzept täglich aufs Neue wieder. In einem Bus ist es ganz normal, 5 verschiedene Sprachen zu hören. Menschen aus den unterschied­lichsten Ländern treffen auf einem kleinen Fleck Erde aufeinander, das einzig Verbin­dende stellt das Judentum dar und selbst das ist enorm heterogen – ein äthiopischer Jude hat mit einem Juden aus Russland nicht derart viel gemein.

Auch ein anderer Aspekt sollte hier erwähnt werden, näm­lich jener, wonach Israelis gemeinhin als harsch respektive rüde bezeichnet wer­den. Jein ist die klare Antwort, denn ge­wiss wirken Israelis äußerlich – bedingt un­ter anderem durch historische Ereignisse und die aktuelle politische Situation – eher streng. Doch andererseits greifen sofort 10 Hände nach einer herunter gefallenen Tasche im Bus, der soziale Zusammenhalt quer durch alle Schichten im Alltag ist enorm.
Und gerade als „short time resi­dent“ wie meiner einer spürt man so gut wie überall das entgegen kommende Inte­resse: So lud mich meine neue Nachbarin schon nach dem ersten Treffen zu einem Shabbat Essen ein ohne mich groß zu ken­nen, eine andere vertraute mir ihren Woh­nungsschlüssel bereits nach kurzer Zeit an.

Auch von demografischer Seite her ist Israel mehr als beeindruckend, so sollen ca. 60 % der BewohnerInnen Tel Avivs un­ter 30 Jahre alt sein. „Wie die USA, nur kleiner halt“, meine ich immer. Vor allem im Vergleich – hier sind wir wieder beim Thema – mit Österreich bin ich dann kurz etwas konsterniert, ist doch „Good old Austria“ so ziemlich das Gegenteil von al­lem was Israel darstellt: Ein Pensionisten­staat, der über seine Zukunft in Form von Bildung, Forschung und Jugendlichen mit rümpfender Nase herzieht, aus seiner Ge­schichte ungern lernt und sich lieber ver­steckt als selbstbewusst auftritt.

Vielleicht ist gerade aus eben genannten Gründen für einen Ösi Israel so faszinierend, wer weiß. Ob ich an Vöcklabruck – dessen am­tierender Bürgermeister es nebenbei als nicht würdig empfand einem Jugendlichen finanziell für seinen Auslandszivildienst unter die Arme zu greifen – übrigens etwas vermisse, wollen hin und wieder Bekannte wissen. Ja, das Teehaus. Sonst? Nada!

Text und Foto von Johannes Rausch

Leave a Reply

 

 

 

You can use these HTML tags

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Comment Spam Protection by WP-SpamFree