Israel ist nicht Österreich. Ganz im Gegenteil. Betrachtungen eines „Ausländers“.
„Where are you from?“: Eine Frage, die man in Israel sehr oft gestellt bekommt. Anders als vielleicht in den USA muss hier jedoch nicht der berühmte Känguru-Sager (Stichwort Australia) bemüht werden, dafür ist die Geschichte dann doch zu präsent. „Ah, Austria, my grandparents are from there.“ Eine Reaktionsmöglichkeit. Die andere: “Oh nice, I was skiing there last winter, in Tyrol.” Man muss wohl nicht extra erwähnen, dass einen die erste Bekundung sprachlos zurück lässt: Wie soll man jetzt darauf reagieren? Um an dieser Stelle übrigens einen bekannten Minderheitskomplex auszuhebeln: Nein, darauf folgt kein „You Austrians are still Nazis!“ oder ähnlich dumme Aussagen. Der erwähnte traurige Fakt ist bloß die einzige Verbindung zu Österreich, manchmal. Und einmal mehr hält man sich jenes blühende jüdische (Groß)Bürgertum Wiens zur Zeit der Jahrhundertwende vor Augen, denkt an „Was wäre jetzt, wenn…“ Optionen und stellt fest, dass man das nicht zu oft tun sollte. Als gesellschaftspolitisch wacher Mensch schlägt sich das nicht positiv auf die Psyche.
Doch kommen wir an dieser Stelle auch zu anderen Aspekten des versuchten Vergleichs Österreich-Israel. Zuerst stellt sich ohnehin die Frage, inwiefern man Länder überhaupt in Zusammenhang stellen, sie vergleichen darf. Doch wenn man schon dreist genug ist, sich für ein Jahr außer Landes zu begeben, sollte man ebenso zu einer fähigen Kontextualisierung bereit sein. Und welchen Sinn hat ein Auslandsaufenthalt denn letztendlich, wenn man sein/ihr Geburtsland nicht ständig zum aktuellen Gastgeberland auf dies und das abklopft?
Nun denn: Israel ist natürlich in ziemlich jeder Hinsicht großartig, vor allem aber fasziniert mich das geschichtlich entwickelte Multikulti Konzept täglich aufs Neue wieder. In einem Bus ist es ganz normal, 5 verschiedene Sprachen zu hören. Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern treffen auf einem kleinen Fleck Erde aufeinander, das einzig Verbindende stellt das Judentum dar und selbst das ist enorm heterogen – ein äthiopischer Jude hat mit einem Juden aus Russland nicht derart viel gemein.
Auch ein anderer Aspekt sollte hier erwähnt werden, nämlich jener, wonach Israelis gemeinhin als harsch respektive rüde bezeichnet werden. Jein ist die klare Antwort, denn gewiss wirken Israelis äußerlich – bedingt unter anderem durch historische Ereignisse und die aktuelle politische Situation – eher streng. Doch andererseits greifen sofort 10 Hände nach einer herunter gefallenen Tasche im Bus, der soziale Zusammenhalt quer durch alle Schichten im Alltag ist enorm.
Und gerade als „short time resident“ wie meiner einer spürt man so gut wie überall das entgegen kommende Interesse: So lud mich meine neue Nachbarin schon nach dem ersten Treffen zu einem Shabbat Essen ein ohne mich groß zu kennen, eine andere vertraute mir ihren Wohnungsschlüssel bereits nach kurzer Zeit an.
Auch von demografischer Seite her ist Israel mehr als beeindruckend, so sollen ca. 60 % der BewohnerInnen Tel Avivs unter 30 Jahre alt sein. „Wie die USA, nur kleiner halt“, meine ich immer. Vor allem im Vergleich – hier sind wir wieder beim Thema – mit Österreich bin ich dann kurz etwas konsterniert, ist doch „Good old Austria“ so ziemlich das Gegenteil von allem was Israel darstellt: Ein Pensionistenstaat, der über seine Zukunft in Form von Bildung, Forschung und Jugendlichen mit rümpfender Nase herzieht, aus seiner Geschichte ungern lernt und sich lieber versteckt als selbstbewusst auftritt.
Vielleicht ist gerade aus eben genannten Gründen für einen Ösi Israel so faszinierend, wer weiß. Ob ich an Vöcklabruck – dessen amtierender Bürgermeister es nebenbei als nicht würdig empfand einem Jugendlichen finanziell für seinen Auslandszivildienst unter die Arme zu greifen – übrigens etwas vermisse, wollen hin und wieder Bekannte wissen. Ja, das Teehaus. Sonst? Nada!
Text und Foto von Johannes Rausch

