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Liebe Leserin, lieber Leser!
Das Wichtigste vorweg: der Hirsch röhrt von nun an in neuem Gew(and)eih. Soll heißen: der Aufbau des Flugblattes wurde neu gestaltet und Sie dürfen von nun an neue Rubriken begrüßen! Unser Ziel war es, die Lesefreude zu erhöhen und die Wiedererkennung zu erleichtern. Unter anderem plaudern wir in der neuen Rubrik „Hirschragout“ aus unserer Mitte und werfen einen Blick auf den unaufgeräumten Schreibtisch der Redaktion. Besondere Freude löst beim Hirschen die neue Kolumne „Lautmalereien“ aus. Und das obwohl jetzt niemand mehr vor herabstürzenden Sandsäcken sicher ist. Alle anderen Neuigkeiten dürfen Sie selbst erkunden, fest steht: inhaltlich hätten wir mindestens drei Hirschen füllen können! Unser Außendienstmitarbeiter Johannes Rausch beschreibt seine Entscheidung in Israel zu arbeiten und Simon Zauner geht dem Datenschutz beim Gulaschessen nach. Redakteur Wiesmayr fragt sich, wie es sich als Obdachlose/r abseits der „heilen Welt“ oberhalb der Vöcklabrücke lebt. Wir wünschen viel Freude beim Lesen und danken allen, ganz gleich ob sie das Blatt lieben oder verfluchen!
Liebe Grüße die Redaktion
Wie immer freuen uns über Post, Kritik und Anregungen (redaktion [at] blatthirsch . at).
Beinahe wäre diese Hirschausgabe nicht zustande gekommen. Ja wirklich. Und das trotz langer Vorankündigung. Grund? Die Nacht vor der Redaktionssitzung wäre uns fast zum Verhängnis geworden. Oder besser gesagt nicht uns, sondern dem Hirsch. Frage nach dem Warum? Gut, wir machen reinen Tisch. Das ist ja hierzulande nicht unbedingt üblich. Aber Redakteurin C bestand darauf. Und warum sollen wir nicht als gutes Beispiel voran gehen? Eben. Also gut: Wir haben gefeiert. So richtig. Hatten Spaß dabei. Und wir haben alle die Uhrzeit übersehen. Damit ist uns tatsächlich etwas passiert, was ja momentan nicht gerade einen Höhenflug hat: öffentlich Spaß zu haben. Klar, zwischen Wirtschaftskrise, Adventstress und dem wahnwitzigen Weltuntergang 2012 kann gar niemand Spaß haben. „Sogn d’Leid“ zumindest. Aber das ist uns reichlich „bowidl“. Wir lassen uns den Spaß an der
Sache nicht nehmen. Wir lachen uns ins Fäustchen! Denn das ist gesund. Ha!
In Vöcklabruck ist die Obdachlosenrate nicht so sichtbar wie in den großen Ballungszentren Wien oder Linz. Dies beruht auf Gegenseitigkeit: Einerseits will die lokale Politik keine Obdachlosen im gewohnten Stadtbild, weil sich dies negativ auf das Tourismusgeschäft auswirken könnte. Das wurde unter anderem durch das Alkoholverbot am Stadtplatz erwirkt. Andererseits wollen die Obdachlosen teils gar nicht im öffentlichen Stadtleben gesehen werden.
Zum Beispiel verzeichnet das „Elisabethstüberl“ – neben dem Sozialmarkt – einen RücKgang seiner Kundschaft. Obwohl das Essen dort nur um die 50 Cent kostet, wird das Angebot wegen mangelnder sozialer Kontakte unter Gleichgesinnten immer weniger bzw. gar nicht genützt. Sprich: der Mensch braucht nicht nur Essen für sein körperliches Wohl, sondern auch Menschen mit ähnlichen Schicksalsschlägen. Menschen, die einen verstehen und mit denen man sich austauschen kann, um auch die sozialen Bedürfnisse stillen zu können. Ein anonym bleibender Betroffener meint in diesem Zusammenhang, sie „wollen nicht in einer Auslage der Stadt sitzen und damit abgestempelt werden.“
Da wird die Suppenküche der Schwestern des Mutterhauses noch eher genützt. Hier klappern die Teller und es wird munter untereinander bzw. mit den Schwestern kommuniziert. Im emotionalen Vergleich dieser beiden Räumlichkeiten liegen für die Betroffenen noch Welten dazwischen. Mensch kann nur hoffen, dass dieses Problem auch bei den zuständigen Personen Gehör findet.
Laut dem Jahresbericht 2008 der Wohnungslosenhilfe „Mosaik“ sind immer mehr Menschen von drohender Wohnungslosigkeit betroffen oder bereits obdachlos. 518 Menschen wurden 2008 vom „Mosaik“ betreut, um 27% mehr als 2007. Die Dunkelziffer dürfte noch wesentlich höher sein. Auch die Zahl der Jüngeren und psychisch Kranken steigt erstmals. Die Betreuung kann teils nicht erfüllt werden, wie der „Mosaik“ Planungsraumbericht 2008 aufzeigt: „Bei den Aufnahmen in die Notschlafstelle wurde erstmals die 100er Grenze überschritten. Der Anteil der KundInnen unter 25 Jahren blieb mit 30% sehr hoch. Ein weiterer Trend ist die Zunahme psychischer Erkrankungen als Ursache von Wohnungslosigkeit. Einerseits fehlt in der Notschlafstelle qualifiziertes Betreuungspersonal für psychisch kranke KundInnen, anderseits gab es zu wenige Kapazitäten. So wurden 25 KundInnen abgewiesen.“
Auch für das Jahr 2009 verzeichnet die Notschlafstelle eine Auslastung von 85%. Zwar herrscht eine vermehrte Anfrage im Delogierungsbereich, da durch die Weltwirtschaftskrise die Armut wieder einmal gestiegen ist. Dennoch existiert kein direkter Zusammenhang zwischen Krise und stetigem Anstieg der Obdachlosenrate.
Jene die durch den Rost fallen sind die unter 18jährigen, denn auch das Mosaik nimmt aus Fürsorgegründen nur Volljährige. Auch hier kann die steigende Obdachlosigkeit erschreckende „Erfolge“ verzeichnen. Für die Jugend gibt es im Bezirk quasi keine Anlaufstellen. Sie müssen, meist enttäuscht und unverrichteter Dinge wieder abziehen, um bis nach Linz zur nächsten Notschlafstelle für Jugendliche („UFO“ oder „WAKI“) zu fahren. Für den Großteil kaum vorstellbar, da sie kein Geld haben, oftmals dort gar niemanden kennen und auch sonst keine Möglichkeiten zur sozialen Entfaltung haben. Die Entscheidung fällt fast jedem/er schwer, wegen einer Wohnung in einer anderen Stadt, das persönliche Umfeld und den Freundeskreis zu verlassen. Und sollte sich doch jemand entscheiden bzw. die Möglichkeit haben die Jugendangebote in Linz wahrzunehmen, ist es fraglich ob es zu dieser Zeit überhaupt einen freien Platz gibt.
Die SozialarbeiterInnen in Vöcklabruck schreien nun schon seit einiger Zeit nach einer Schlafstelle/ Einrichtung für Jugendliche. Doch dieses Projekt schimmert leider noch in ferner Zukunft. Hoffen wir, dass diese Schreie gehört und vor allem erhört werden!
Reportage von Willi Wiesmayr
Nach meiner Wohnungsbesichtigung sitze ich mehr oder weniger zerstört in einem Cafehaus auf Rotwein und
Zigaretten. Nein, die Wohnung ist kein Desaster, das Preisleistungsverhältnis lässt nichts zu wünschen übrig, die Lage perfekt. Ich stehe wieder einmal in gewohnter Manier meinem Leben im Weg und das vehement, mit aller Kraft stemmt sich mein Geist dagegen. Tja, so bin ich. Wie ich also so in der Auslage sitze und mein armseeliges Dasein betrauere, teilen sich in voller Dekadenz mein Handy, der Ipod welcher mehr Speicherkapazität als meine PC-Festplatte zu bieten hat, und die Digicam schwesterlich das Tischchen mit meinen favorisierten Genussmitteln. Voller Selbstmitleid starre ich auf die mehr oder weniger schicken vorbeiziehenden Menschen die alle einen Plan verfolgen, ob diese Pläne gut, böse, jenseitig oder schlicht unsinnig sind, sei dahingestellt, die haben wenigstens Pläne.
Dann passiert es, eh klar. Ein heruntergekommener Typ meines Alters im militärgrünen Parker, einem Daypack, jeden Finger schleißig mit Pflastern verbunden, die Zähne vom Heroin zerfressen, eisblaue Augen die deshalb so strahlen, weil sich seine Pupillen auf Minimalgröße zusammengezogen haben, stand vor mir und will mir eines seiner Gedichte oder einen Origamivogel verkaufen. Frustriert von mir selbst würgte ich sein Verkaufsgespräch mit einem simplen: „Sorry, ich hab‘ Psychostress“ ab. Und was macht dieser Kerl? Logo, er erzählt mir, ich solle mich nicht aufgeben und „alles wird gut“ und steht einfach da vor mir. Mir kommen schon wieder die Tränen mit denen ich seit Mittag kämpfe. Er redet weiter und sagt er stehe nur mehr da, weil er ein „versprochen“ von mir hören wolle. Ich Vollidiot! Alles ist so furchtbar relativ. Ich quetsche ein „versprochen“ heraus. Er geht an die Bar wohin ich mich 5
Minuten später auch bewege und ihm ein Gedicht abkaufe.
„Aber Goethe bin ich keiner“ meint er, ich darauf: „Wer ist das schon“ nehme mein Gedicht und sitze gleich darauf wieder an meinem Tisch, die Tränen laufen mir über die Wangen. Das Gedicht handelt von seiner Mutter, die er über alles liebte, die ihn viel zu bald verlassen hat. Wie er seither mit dem
Leben strauchelt, auf der Straße lebt und dem Heroin verfallen ist um das Leben
irgendwie zu ertragen.
Das Leben ist furchtbar und schön und manchmal furchtbar schön und auch ganz schön furchtbar. Es gilt die Ängste zu verscheuchen. Rezept dafür weiß ich (noch) keines.
Caroline Asen
Gespräch mit dem Datenschutzexperten Erich Möchel in einem gemütlichen Beisl im neunten Wiener Gemeindebezirk. Es geht um die Sinnhaftig- bzw. -losigkeit der Vorratsdatenspeicherung, die in Österreich aufgrund einer EU-Richtlinie eingeführt werden soll.
Blatthirsch: Was genau ist Vorratsdatenspeicherung eigentlich?
Möchel: Das, was bis jetzt gesetzlich verboten war, nämlich die Speicherung von Verbindungsdaten. Will heißen wer-wann-mit wem-wo telefoniert hat innerhalb eines halben Jahres. Unter die EU-Richtlinie fallen auch die sogenannten IP-Adressen. Das heißt, es wird gespeichert wer wann ins Internet eingestiegen ist, was in Zeiten von Breitband besonders lächerlich ist, da diese Internetuser immer online sind. Es wird aber auch mit protokolliert, wer-wem-wann eine E-Mail geschickt hat bzw. eine bekommen hat. Es geht darum, ohne Verdacht Daten über Personen speichern zu dürfen, was nach dem bisherigen Datenschutzgesetz einfach verboten war.
Blatthirsch: Was bringt es, nur den Kommunikationsverkehr zu überwachen, aber nicht die Inhalte?
Möchel: Wenn man die Verkehrsdaten eines Telefonanschlusses über ein halbes Jahr überwacht, dann weiß man mehr über diese Person, als wenn man alle Telefonate in diesen sechs Monaten mitgehört hätte. Man kann aus diesen Daten ein Soziogramm einer Person erstellen.
Blatthirsch: Und wenn man mit lauscht erfährt man nicht mehr?
Möchel: „Treffen wir uns wieder am üblichen Ort?“ „Ja, aber ich komme diesmal später.“ Aus solchen Gesprächen erfährt man weder Ort noch Zeit des Treffens. Man weiß nur, dass sich die zwei treffen wollen. Für Ermittlungen ist das nicht wirklich zielführend. Die Polizei hört eigentlich nur mehr mit, wenn sie jemanden konkret verfolgt, der verhaftet werden soll.
Blatthirsch: Die Oppositionsparteien Grüne, FPÖ und BZÖ sind gegen die Einführung der Vorratsdatenspeicherung in Österreich. Die Regierung braucht aber eine Zweidrittelmehrheit im Nationalrat, um die Verfassung dementsprechend zu ändern. Glauben Sie, dass die EU-Richtlinie letztendlich dennoch umgesetzt wird?
Möchel: In irgendeiner Form wird sie sicher umgesetzt. Allerdings wäre die Nichtumsetzung kein so großes Problem, wie immer getan wird. Gegen Österreich laufen im Moment 50 Vertragsverletzungsverfahren wegen Nichtumsetzung von Teilen von EU-Richtlinien. Zum Beispiel läuft schon seit Jahren ein Verfahren, weil die EU-Richtlinie für eine unabhängige Datenschutzkommission in Österreich nicht realisiert wurde. Die Datenschutzkommission ist bei uns nicht unabhängig, sondern besteht aus Angestellten des Bundeskanzleramts und ist somit direkt der Kontrolle des Staats unterworfen.
Blatthirsch: Glauben Sie, dass man Vorratsdatenspeicherung braucht, um Verbrechen aufzuklären?
Möchel: Laut offiziellen Angaben der Polizei fallen 90 Prozent der Daten, die sie benötigt, in die ersten drei Monate. Solange bewahren die Provider diese Daten aber ohnehin auf, da die Einspruchsfrist gegen Rechnungen drei Monate beträgt. (Anm. d. Red.: Hier sind zum Beispiel Einzelgesprächsnachweise bei Handyrechnungen gemeint.)
Blatthirsch: Und auf diese Daten hat die Polizei sowieso Zugriff?
Möchel: Natürlich. Wenn es einen Gerichtsbescheid gibt, kann sie zugreifen. Man versucht hier etwas ganz anderes zu erreichen. Es wird versucht eine riesige Datenbankstruktur zu erstellen, die multipel genutzt werden kann.
Blatthirsch: Wozu könnte man diese Datenbank benutzen?
Möchel: Um die Leute zu kontrollieren. Die Musikindustrie ist ganz geil darauf, dass die Vorratsdatenspeicherung endlich beginnt, um mittels gespeicherter IP-Adressen Jagd auf User zu machen, die Musik übers Internet tauschen.
Blatthirsch: Aber wenn die Umsetzung wie geplant erfolgt, kann nur die Polizei auf die Vorratsdaten zugreifen.
Möchel: Offiziell kann nur die Polizei zugreifen.
Blatthirsch: Einer der Legitimationsgründe für Vorratsdatenspeicherung ist die Terrorismusbekämpfung. Kann sie dabei wirklich helfen?
Möchel: Genau die Leute, die auf Tarnen und Täuschen spezialisiert sind, werden sicher nicht mit Handys kommunizieren. Die wissen längst, dass sie damit gefasst werden können. Man muss nicht unbedingt Mobiltelefone benutzen, sondern zum Beispiel eine verschlüsselte Verbindung übers Internet. Einen Terroranschlag kann man auch mittels zwei Amateurfunk-Kurzwellen-Geräten, die verschlüsselt kommunizieren, planen. Man überwacht die gesamte Zivilgesellschaft, um eine der tausend Kommunikationsmöglichkeiten von Terroristen zu überwachen. Die wären blöd, wenn sie gerade diese benutzen würden. Außerdem wird das Finden einer Stecknadel nicht leichter, wenn man den Heuhaufen vergrößert.
Blatthirsch: Verstößt die Vorratsdatenspeicherung nicht auch gegen die Menschenrechtskonvention?
Möchel: Ja. Artikel 8 der europäischen Menschenrechtskonvention, demzufolge gegen niemanden ohne Verdacht ermittelt werden darf. Es wird außerdem das Fundament unseres Staates untergraben, denn in der österreichischen Verfassung steht, dass vor Gericht die Unschuldsvermutung gilt.
Blatthirsch: Es gibt ja mittlerweile einen abgeänderten Entwurf zur Umsetzung der Vorratsdatenspeicherung des Boltzmann-Instituts für Menschenrechte, um das Ganze etwas einzuschränken. Was halten sie davon?
Möchel: Man kommt jetzt drauf, dass man dabei ist, eine Büchse der Pandora zu öffnen. Wenn man zum Beispiel wirklich den kompletten E-Mail-Verkehr ernsthaft überwachen möchte, dann müsste man auch E-Mail-Dienste wie GMX, Gmail, Yahoo oder Hotmail komplett überwachen. Es wird schnell klar, dass es nicht mehr nur um den Kommunikationsverkehr an sich geht, sondern auch um Inhalte. Denn man müsste dann auch kontrollieren, welche Homepages besucht werden, da sehr viele Internetseiten einen E-Mail-Service anbieten. Wenn man die Adressen von besuchten Websites kennt, kennt man auch deren Inhalt. Es würde sich hier also um eine vorbeugende Inhaltsspeicherung handeln, die es flächendeckend vermutlich nicht einmal in China gibt.
Blatthirsch: Das wird aber so nicht umgesetzt?
Möchel: Nein. Es sollen nur die von den Internetprovidern zur Verfügung gestellten E-Mail-Adressen überwacht werden. Es gibt nichts, das noch leichter zu umgehen ist. Ich brauche nur einen GMX-Account, dann bin ich nicht mehr überwachbar. Es ist vollkommen sinnlos, diese Daten zu erheben.
Blatthirsch: Von den Gegnern der Vorratsdatenspeicherung wird vor Missbrauch gewarnt. Wie könnte dieser aussehen?
Möchel: Die Daten in dieser Datenbank, die da angelegt wird, sind Geld wert. Wenn sich da jemand einen Datensatz besorgt, kann er Leute damit erpressen. Firmenspionage wäre ein Beispiel. Diese Informationen werden teuer gehandelt. Letztes Jahr sind von der Telekom 17 Millionen Datensätze illegal kopiert worden. Diese Datensätze sind im deutschen Rotlichtmilieu aufgetaucht. Und sie wurden offenbar weitergehandelt. Das sind gute und überprüfte Informationen, die man an Datenhändler teuer verkaufen kann. Teilnehmeranschlussdaten, soziale Kontakte. Jeder, der jemand anderen angreifen will, ist mit diesen Daten perfekt informiert. Jemand, der eine Firma übernehmen will, erfährt so alles über die Kommunikation der Firma.
Blatthirsch: Was fordern die Gegner der Vorratsdatenspeicherung, zu denen ja auch Sie gehören?
Möchel: Ersatzlose Nichteinführung der Vorratsdatenspeicherung. Rücknahme der betreffenden EU-Richtlinie wegen Sinnlosigkeit.
Blatthirsch: Weil sie zur Verbrechensaufklärung nicht beiträgt.
Möchel: Man fängt höchstens Filesharer damit. Die Musikindustrie sieht da die Rettung ihres Geschäftsmodells. Obwohl eigentlich bekannt ist, dass sehr viele Filesharer Musikfans sind, die in der Regel zu den besseren Kunden gehören, die Musik auch gerne kaufen.
Blatthirsch: Vielen Dank für das Interview.
Der Interview-Hirsch war Simon Zauner.
Erich Möchel ist Redakteur der Futurezone, der IT-News-Website des ORF (http://futurezone.orf.at/).
Er ist Mitglied im „Board of Advisors“ von Privacy International (international tätige Menschenrechtsorganisation,
http://www.privacyinternational.org/), Mitbegründer der österreichischen Big Brother Awards sowie der Quintessenz („Verein zur Wiederherstellung der Bürgerrechte im Informationszeitalter“, http://quintessenz.at/).
IP-Adressen: Eine IP-Adresse ist eine Adresse in Computernetzen, die auf dem Internetprotokoll (IP) basieren (Z.B.: das Internet). Sie wird Geräten zugewiesen, welche an das Netz angebunden sind und macht sie so adressierbar.
Soziogramm: Die graphische Darstellung der Beziehungen in einer Gruppe. Ausgehend von Daten einer Erhebung werden in der Darstellung Beziehungen beispielsweise durch Pfeile symbolisiert.
Provider: Verschiedene Arten von Anbietern oder Dienstleistern. Z.B. Telekommunikationsdienstanbieter, Mobilfunkanbieter, Internetdienstanbieter.
Filesharer: Personen, die übers Internet Daten tauschen.
…redet
Erneuerbare Energie
Österreich hat seine Ziele in Sachen Kyoto-Klimaschutz-Protokoll hochgradig verfehlt, kürzlich wurden in Kopenhagen neue diskutiert. Und Vöcklabruck macht beim Zielsetzen gleich mit und will
Vorzeigeregion werden. Kann es sich vom Bundestrend loslösen?
…staunt
Die Eiszeit am Stadtplatz
Ein Eislaufplatz muss als innovative Innenstadtbelebung herhalten. Dafür wird auch gerne Geld in die Hand genommen. Will uns hier wer auf Glatteis führen?
…reden sollte
Gewalt in der Familie
Ein klassisches Tabuthema, gerne wird weggeschaut. Gerade das „stille“ Weihnachten wird für viele Frauen und Kinder zum regelrechten Albtraum, wie Hilfsorganisationen aufzeigen. Spenden ist gut, Zivilcourage ist besser!
Auslandszivildienst im Rahmen des Verein Gedenkdienstes in Jerusalem an der Stelle Yad Vashem: Was macht man da eigentlich? Und warum? Ein Versuch einer Erklärung. Von Johannes Rausch
Am Anfang war die Gewissheit. Natürlich war mir schon lange vor der berühmten Musterung bewusst, dass ich – gesetzt den Fall, als volltauglich eingestuft worden zu sein – mich für den Zivildienst entscheiden werde. So weit, so alltäglich. Denn zumindest in meinem Freundeskreis ist die Ablehnung des Wehrdienstes eine Selbstverständlichkeit. Fälle von Personen, die einen Schritt weiter gegangen sind, sich also für den Zivildienst im Ausland entschieden haben, sind mir eher weniger bekannt. Was ich nicht nachvollziehen kann, weil man so eine unfassbar tolle Chance, ein Jahr in einem völlig anderen Gesellschaftsklima zu leben, nicht oft im Leben bekommt. Jedenfalls war mir stets bewusst, diese großartige Chance, ein Jahr im Ausland verbringen zu dürfen, definitiv wahrzunehmen. Ohne Wenn und Aber. Als es dann an der Zeit war, sich für eine Stelle bei der Trägerorganisation Verein Gedenkdienst zu bewerben, kam für mich damals, wie es der Zufall so will, hauptsächlich Israel in Frage. „Okay“, könnte dann der Einwurf lauten, „aber warum gerade nach Israel?“ Mit dem üblichen Nachsatz: „Ist doch gefährlich dort, oder?!“ Ja, warum eigentlich? Die Antwort darauf ist eigentlich genauso banal wie die Frage danach: Aus Interesse, das vor ein paar Jahren an diesem Land entstanden ist. Zumindest bei mir geht solch eine Interessensbekundung stets mit einer durch maximale Lektüre jener Destination erweckte Neugierde einher. Als die Stelle Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem an mich vergeben wurde, war die Freude natürlich groß. Hinzu kam die Frage nach der Erwartungshaltung, der man in Hinblick auf dieses eine Jahr im Ausland nun eben quasi automatisch gewahr wird – ich habe meine auf Null gestellt, denn gerade im Kontext des Heiligen Landes (Stichwort: „Jerusalem-Syndrom“) kann es in diesem Bereich zu unschönen Erlebnissen kommen. Ganz im Gegenteil, ich fand mich eher mit dem folgenden Gedanken ab: „Eine Erfahrung ist es allemal und falls viele Dinge dabei schief gehen und negative Erfahrungen überhand nehmen sollten, dann hab‘ ich es wenigstens probiert. That‘s life!“ Nun befinde ich mich also seit Anfang August in Israel und arbeite im Archiv von Yad Vashem, der wohl bekanntesten und vor allem bedeutendsten Gedenkstätte an den Holocaust weltweit. Meine Aufgabe dort ist es zurzeit Akten über Zwangsversteigerungen jüdischen Besitzes zu katalogisieren, zu lesen und durchzunummerieren. Eine interessante Aufgabe, zumal sich auch die Kollegenschaft aus vielen verschiedenen Ländern – Australien, Frankreich, Polen usw. – zusammensetzt, was in der Regel natürlich zu durchaus anregenden Gesprächen führt. Ein Umstand, der ohnehin nur die hier vorhandene Gesellschaftsstruktur widerspiegelt: Israel ist ein Einwanderungsland, Multikulti lässt grüßen. Nicht nur ein Grund warum es derart spannend ist hier ein Jahr zu verbringen. Was mir allerdings schon vor Aufenthaltsbeginn bewusst war: Eine Woche Israel ist zu kurz.
Johannes Rausch
In den Ausgaben dieses Flugblattes wollen wir Luftreisen unternehmen, Obertöne gurgeln und Volksweisen schlürfen. Wir werden die von männlichem Ausfluss penetrierte Rockmusik als den Inbegriff tiefster Provinzialität entlarven und über den Kaukasus nach Innen blicken.
Wir reisen in einer Montgolfière, werden unerhörte Behauptungen auf- und der Demokratie diktatorische Frechheiten unterstellen. Alle, die für aeronautische Ausrückungen ausreichend Muße mitbringen – herein spaziert, Ihr seid geladen!
Fürs erste reicht es allerdings, mehr Inhalte über den Äther zu jagen, eigene Sandsäcke abzuwerfen und sich der Gesellschaft auszuliefern. Wir sind verwundbar in Wirtshäusern und meutern geistreich an den Stammtischen. Lasst die Winterkirschen im Gemeinderat!
Kolumne von M. Maitau
GUT:
ATTAC Gruppe gegründet
Kürzlich wurde nun auch in Vöcklabruck eine ATTAC Regionalgruppe gegründet. Die engagierten „Attacis“ wollen parteiunabhängig ihr Umfeld selbst mitgestalten, statt raunzend in der Nase zu bohren. Vöcklabruck hat einen Demokratieschub bitter nötig!
BÖSE
Leere Gemeindekassen
Die Einnahmen- und Ausgabenrechnung unserer Gemeinden spricht Bände: nicht selten fehlen dort siebenstellige Geldbeträge. Was das heißt? Sparen ist angesagt. Und das passiert immer leichter in jenen Bereichen, wo weder Verbindungen noch eine starke Lobby dahinterstecken. Pfui!
JENSEITS
Wilde Schweine
Grunzen ist momentan im Trend. Zuerst rollt die Furcht vor der Schweinegrippe übers Land. Und jetzt werden Vöcklabrucks Jäger auch noch von einer Wildschweinplage heimgesucht. Schwein gehabt?
Artikel von: Andreas Moser
Das Bock Ma’s und ich… hmm… was war und ist das Bock Ma’s eigentlich für mich? Da ich auf Grund meiner Pläne für längere Zeit ins Ausland zu gehen schon öfter darüber nachgedacht habe, was ich denn da so hinter mir lasse, schwebte mir dieser Gedanke schon des öfteren durch den Kopf.
Das Bock Ma’s spielte in den letzen 5 Jahren sicherlich eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben. Nicht nur wegen der vielen Zeit die das Festival vor allem während der ersten Jahre beanspruchte, sondern vor allem indem mir das Bock Ma’s einen Platz gab an dem ich mich engagieren konnte. Engagieren mit dem Bewusstsein eine Kleinigkeit gegen die vielen Ungerechtigkeiten dieses uns umgebenden Systems beitragen zu können (wie z.B. gegen dessen doch etwas rassistische Ausrichtung). So bot und bietet mir das Bock Ma’s etwas mit dem ich mich identifizieren kann und etwas, dass mir das Gefühl gibt durch meine Aktivitäten etwas verändern zu können. Dass das Festival einen derartigen Anklang fand verstärkte dies natürlich noch.
Für mich war es sehr schön zu sehen wie sich das Festival und das Sozialforum Freiwerk entwickelte und sich im Zuge dessen immer mehr engagierte Menschen daran beteiligten. Natürlich kann nicht ausgeblendet werden, dass dieser Prozess, leider auch von so manch gröberen und – wie ich glaube – für alle beteiligten teils sehr belastenden Differenzen begleitet war, aber auch diese sind wahrscheinlich in solch einem Prozess unumgänglich und wichtige Erfahrungen welche ihren Teil in dieser Entwicklung beitragen.
Aber alles in allem hat mir die Arbeit rund um das Bock Ma’s und mit all den Beteiligten Menschen bisher sehr viel Spaß gemacht, und ich empfinde all die damit verbundenen Erfahrungen und Erlebnisse als eine großartige Bereicherung in meinem Leben. In diesem Sinne ein großes DANKE an alle!
Etwas, dass mich besonders ab dem zweiten Bock Ma’s zugegebenermaßen sehr überraschte, war, dass es eigentlich recht leicht war so viele Menschen (mittlerweile über 200) als Volontäre fürs Festival zu gewinnen. Für mich ist das ein Signal, dass eigentlich sehr viel Potential für „gesellschafts- verändernde“ Aktivitäten und Projekte vorhanden wäre. Auch jedes Jahr wieder ein Lineup mit unentgeltlich auftretenden KünstlerInnen für die verschiedenen Bühnen zu finden, gestaltete sich meines Wissens bisher nicht sehr schwer. Obwohl hier die Bemühungen der BookerInnen und all jener welche die Programme am Bock Ma’s auf die Füße stellen nicht außer acht gelassen werden dürfen.
Da überdies am Veranstaltungsgelände keinerlei Werbung vorzufinden ist, stellt das Bock Ma’s meiner Meinung nach nicht nur ein gutes Beispiel für unkommerzielle Festivals dar, sondern zeigt auch auf, dass bei solchen Veranstaltungen Raum abseits der alltäglichen Konsumwelt geschaffen werden kann.
Auch dieser Aspekt hat für mich eine sehr große Bedeutung, da das Festival damit eine angenehme Alternative zu dieser „Geiz ist geil“ Welt darstellt, in der wir leben.
Zu guter letzt hoffe ich und wünsche ich mir, dass sich das Bock Ma’s auch in Zukunft weiterentwickeln kann und, dass damit auch weiterhin Zeichen gegen Rassismus und andere Diskriminierungen gesetzt werden. Denn das ist in Zeiten, in welchen die politische Rechte wie auch rechtsextreme Strömungen immer stärker werden, umso wichtiger.
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